Mit dem Bruderkuss an der Berliner Mauer fing es 1990 an. Heute zu einem der prägendsten Symbole der westlichen Welt geworden, sind die Sprache und das Wesen dieses legendären Bildes von Dmitri Vrubel so global wie berlinerisch zugleich. Die Arbeitsweise des Künstlerduos Vrubel Timofeeva auch.

Das berühmte Paar aus Moskau lebt seit einigen Jahren in ihrer Wahlheimat Berlin. Den Blick auf Russland schärfen sie von hier aus weiterhin – kritisch, ironisch, impulsiv. „….Russland. In der Vorstellung von Vrubel und Timofeeva ist es ein Freak, gekleidet in Walenki und Wattejacke auf nackter Haut, im Rush-Hour auf dem Boden des Berliner S-Bahn sitzend und mit einer trunkenen, doch lauten Stimme Schillers „Räuber" auf perfektem Deutsch auswendig deklarierend..."

Von der Straße auf die Leinwand? So einfach machen es sich Vrubel und Timofeeva nicht. Die aktuellen Ausstellungen aus dem Zyklus TOLSTOEWSKI PROJECT in der offenen Werkstatt von Vrubel und Timofeeva geben dem Zuschauer die Möglichkeit, in die Romane von Lev Tolstoj und Fedor Dostojewskij „hineinzutreten". Die Künstler übersetzen sie in die zeitgenössische Sprache der Bilder und Internet-Meme. Dank ihrer Monumentalität – ein wahrhaft effektives visuelles Instrument – hinterlassen die Arbeiten einen tiefen Eindruck.

Ihr Instrumentarium ist breit gefächert. Figuren der klassischen russischen Literatur treten in den großformatigen Werken durch erschlagend-offene Bilder des Mobs, wie sie im Netz kursieren, hervor. Die Politik grinst durch die zahnlosen Münder von Straßenjungs. „Dieser visuell-verbale Mix, wurde von uns aus allen bestehenden Mythen und Stereotypen zu „schrecklichen, Angst streuenden Russen" und der „großartigen russischen Kultur" gesammelt. Zu betrachten wie ein „visueller Eintopf" aus bestehenden Ängsten vor dem „furchtbaren und unvorhersehbaren Russland" und der gleichzeitigen Bewunderung ihrer großen Kultur der 19. und Anfang 20. Jahrhunderte."

Im Unterschied zum banalen Zeigefinger auf all diese dramatischen Sinnlosigkeiten, ziehen Vrubel und Timofeeva Vergleiche, verschmelzen Unvereinbares, lesen Altlasten in vermeintlich neuen medialen Schlagzeilen auf. Und machen uns eines klar – die Welt ist immer noch derselbe dunkle Ort, durchzogen von einsamen Lichtinseln. Wir sind dabei dieselben „armen Leute" Dostojewskijs mit der Hoffnung auf eine Antwort.

WO:
Knaackstraße 97, 10435 Berlin

KONTAKT:
p.goldberg@nps-tchoban-voss-b.de
TSCHEKHOW-SCHAU: „Höllenlabyrinth oder die Metaphysik des Beils"
„… das Landgut der Adeligen Ranewskaja wird aus der Verschuldung heraus verkauft und der Kaufmann Lopachin belehrt uns, wie man sich aus der Situation herauswindet: „Man muss den Boden in Grundstücke aufteilen und diese als Datschen vermieten." Und wie groß ist das Landgut? Ich frage meine Bekannten, frage Schauspieler, die im „Kirschgarten" spielen, frage die Regisseure, die das Stück aufführen. Die Antwort ist immer dieselbe: „Ich weiß es nicht". Verständlich, dass man es nicht weiß. Man muss sich die Ausmaße nur einmal vorstellen. Der jeweils von mir Gefragte ächzt, stöhnt, sagt dann unsicher: „2 Hektar vielleicht?" – Nein. Ranewskajas Landgut ist mehr als tausend Hektar groß." Lopachin. Hören Sie mein Projekt. Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit! Ihr Gut liegt nur zwanzig Werst von der Stadt ab, und es hat direkte Bahnverbindung: wenn der Kirschgarten samt dem Terrain am Flusse parzelliert und mit Sommerhäuschen bebaut wird, können Sie sich ein Jahreseinkommen von mindestens 25 000 Rubeln sichern. Sie nehmen von den Sommerfrischlern, billig gerechnet, 25 Rubel Jahrespacht pro Hektar. Wenn Sie die Sache jetzt gleich in Angriff nehmen, dann gehe ich jede Wette ein, daß Sie bis zu Herbst nicht ein kahles Fleckchen übrig behalten, alles werden Sie los. (Anton Tschechow: "Der Kirschgarten") Das bedeutet tausend Hektar groß. Außer dem Garten und dem „Land am Fluss" haben sie auch noch hunderte Wald-Zehnte." (Alexander Minkin)

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Kaum betritt der Besucher die Türschwelle, gerät er in das spärlich beleuchtete Labyrinth der Ausstellung, die in kleine, mit „Wänden" begrenzte „Abschnitte" aufgeteilt ist: Riesige Polizisten-Figuren, verharrt in ihren „professionellen" Stellungen, überwachen selbst die kleinste Bewegung im Saal. Die unüberwindbare und unsinnige Kraft dieser Menschen-Wände zeichnet den Weg durch die Ausstellung zum nicht existierenden Finale. Folgt der Besucher diesem Weg in der Enge und Dunkelheit, strebt er gefühlsmäßig „zum Licht", stößt letzten Endes aber an ein großes horizontales Bild, auf dem wohlbekannte russische Landschaft zu sehen ist – trübselig-grau und herbstlich-winterlich. Diese Foto-Papierleinwand, die der gemalten Feuerstelle in Papa Karlos Stube gleicht, „scheint für niemanden und wärmt niemanden", sie lässt die Hoffnungen des Betrachters ohne Antwort. "Lopachin: Kommt alle her und seht zu, wie Jermolai Lopachin mit der Axt durch den Kirschgarten fährt, wie die Bäume zu Boden stürzen! Sommerhäuschen wollen wir hier errichten, unsere Enkel und Urenkel werden hier ein neues Leben schauen … " In Tschekhovs Stück gibt es noch eine Person, die vom Autor in der Personenauflistung jedoch nicht aufgeführt ist: das Beil. Ein während des Stücks wichtiges und immer wiederkehrendes Geräusch nennt Tschekhov entsprechend „Beilschlag": "Die Bühne ist leer. Es wird still, nur das dumpfe, einförmige traurig aufschlagende Hallen der Axt auf die Baumstämme läßt sich in dem Schweigen vernehmen".

Die in ihrer Leere beinahe kosmisch anmutende Landschaft des ehemaligen Landguts, das für Familie Ranewski zu einer untragbaren Last geworden ist, gehört nun dem Unternehmer Lopachin. Er zielt darauf ab, diese noch lebendige, aber wie immer unheimliche, theatralisch-triste und hoffnungslose Realität Tschekhovs in kleine, eingezäunte und äußerst lukrative Landstückchen zu zerstückeln. Ausweglos?

MARMELADOFF-PARTY
Kein Ausweg also? Wir sind doch nicht die monoton-verbitterten Personen aus Tschekhovs Stücken! Wir sind, verdammt nochmal, lebendige und auch ganz und gar moderne Menschen. Und genau aus diesem Grund rollen wir mit der Hoffnung im Herzen und besten Absichten in der Seele diese langweilige Landschaft-Leinwand zusammen, schieben die Polizisten-Zäune beiseite und…. finden kein "Himmel voller Diamanten" vor uns und auch nicht ein Wunderland, das bevölkert ist mit wunderbaren Menschen. Wir finden nur die widerlich-ekstatischen Personen aus den Romanen Dostojewskijs wieder.

Das Labyrinth zuvor entpuppte sich als der wohl schnellste Weg in die Hölle und die traurige Landschaft als ein bis zum Horizont offenes Tor in die Unterwelt. Wir befinden uns hier im Untergeschoss der Hölle, wovon uns der hiesige Virgilius mit Begeisterung berichtet. Unser Führer ist ein versoffener Beamte, der im nächsten Moment von der vorbeifahrenden Kutsche erdrückt sein wird. In einem spärlich beleuchteten, mickrigen, aus Sperrholz zusammengezimmerten Aufenthaltsraum, der einem Sarg ähnelt, sehen wir Marmeladov zwischen illegalen Gastarbeitern. Während die Gastarbeiter sich von ihrem anstrengenden Arbeitstag erholen, zeichnet Marmeladov dem reuelosen Mörder Raskolnikov (eigentlich uns allen) euphorische Bilder der kommenden Auferstehung und des Jüngsten Gerichts, genau passend für solche wie Raskolnikov und ähnliche arme Säue (die auf den riesigen Gemälden um uns herum heiter trinken und ohne weiteres Unzucht treiben):

»Mitleid haben?! Was soll man mit mir Mitleid haben?!« schrie plötzlich Marmeladow, so laut er konnte, mit vorgestrecktem Arm aufstehend, in sichtbarer Begeisterung, als hätte er auf diese Worte nur gewartet. »Was man mit mir Mitleid haben soll, fragst du? Ja! Man soll auch kein Mitleid mit mir haben! Man muß mich kreuzigen, ans Kreuz schlagen, und nicht bemitleiden! Doch kreuzige, Richter, kreuzige ihn, und nachdem du ihn gekreuzigt hast, hab' mit ihm Mitleid! Und dann komme ich selbst zu dir, um mich kreuzigen zu lassen, denn ich suche keine Freude, sondern Schmerz und Tränen! ... Glaubst du vielleicht, du Schnapsverkäufer, daß diese Flasche mir süß war? Trauer, Trauer suchte ich auf ihrem Grunde, Trauer und Tränen, und die habe ich gefunden und gekostet; bemitleiden wird uns aber der, der mit allen Mitleid hatte, der alle und alles verstand. Er ist der Einzige, er ist auch der Richter. Er wird an jenem Tage kommen und fragen: ›Wo ist die Tochter, die sich einer bösen und schwindsüchtigen Stiefmutter und fremden kleinen Kindern zuliebe verkauft hat? Wo ist die Tochter, die mit ihrem irdischen Vater, dem abscheulichen Trunkenbold, ohne vor seiner Tierheit zurückzuschrecken, Mitleid gehabt hat?‹ Und er wird sagen: ›Komm! Ich habe dir schon einmal vergeben ... Ich habe dir einmal vergeben ... Vergeben werden dir auch jetzt deine vielen Sünden, weil du viel geliebet hast ...‹ Und er wird meiner Ssonja vergeben, wird ihr vergeben, ich weiß es, daß er ihr vergeben wird ... Das fühlte ich, als ich neulich bei ihr war, in meinem Herzen! Und er wird alle richten und allen vergeben, den Guten und den Bösen, den Weisen und den Demütigen ... Und wenn er mit allen fertig sein wird, da wird an uns der Ruf ergehen: ›Kommt‹, wird er sagen, ›auch ihr! Kommt, ihr Trunkenen, kommt, ihr Schwachen, kommt, ihr Schamlosen!‹ Und wir werden alle, ohne uns zu schämen, vortreten und uns vor ihn hinstellen. Und er wird sagen: ›Ihr Schweine! Ihr Ebenbilder des Tieres und mit seinem Siegel Gezeichnete! Kommt aber auch ihr!‹ Und die Weisen werden sprechen, und die Klugen werden sagen: ›Herr, warum nimmst du diese auf?‹ Und er wird antworten: ›Darum, ihr Weisen, darum, ihr Klugen, weil keiner von ihnen sich für dessen würdig hielt ...‹ Und er wird seine Hände gegen uns ausstrecken, und wir werden niederfallen ... und weinen ... und alles verstehen! Dann werden wir es verstehen! Und alle werden es verstehen ... auch Katerina Iwanowna wird es verstehen! Herr, dein Reich komme!«
(Fjodr Dostojewski. "Verbrechen und Strafe" ("Schuld und Sühne")

DEAMONS-PARTY
Und wir treten hinaus. Allerdings noch nicht zum Gott. Aus dem „Untergrund" führt uns eine unsichtbare Treppe oder eher Rolltreppe sofort hinauf in die „верхний ад", wo die Reichen und Hyperreichen zeit- und ortlos existieren. In diesem Saal befinden wir uns zwischen modisch, farbig und schwarz-weiß gekleideten Abgeordneten / Dämonen, die sich gegenseitig voll ungehaltener Wut zerfetzen.

»Abstimmen, abstimmen! Wer ein Edelmann ist, versteht das auch ohne lange Auseinandersetzungen. – Wir vergießen unser Blut ... – Das Vertrauen des Monarchen ... – Den Adelsmarschall darf man nicht so kontrollieren; er ist doch kein Kommis! – Aber darum handelt es sich gar nicht! – Die Stimmkugeln her! So eine Gemeinheit!« wurde von allen Seiten in Grimm und Wut geschrien. Die Blicke und Gesichter waren noch grimmiger und wütender als die Worte und drückten einen unversöhnlichen Haß aus... Ljewin aber hatte sich das zu der Zeit, als sich der Vorgang abspielte, noch nicht klargemacht, und es war ihm peinlich, diese braven Männer, die er hochachtete, in so häßlicher, grimmiger Aufregung zu sehen. (Lev Tolstoj "ANNA KARENINA")

Und während wir von der Seite (oder doch von innen?) diesen immerwährenden Ozean grausamen Hasses „aller gegenüber allen" betrachten, legt sich über die „нижний ад" mit seinen sorglosen und bettelarmen und doch so brüderlich-friedlichen, nach Liebe lechzenden Bewohnern, beinahe ein Schleier aus Zärtlichkeit. So restlos zufrieden mit ihrem belanglosen und unnutzen Leben „Großer Kinder" sind es wohl sie, die im Gottes Himmelreich weilen.

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Für die Haupthandlung der Ausstellung DEAMONS-PARTY haben wir einige Kapitel aus Lew Tolstois „Anna Karenina" zur Grundlage genommen. Diese Passagen widmen sich den Landschaftsvertretungswahlen („Zemstvo") – den ersten Wahlen für die lokale Eigenverwaltung in Russland, die Mitte der 1860er Jahre eingeführt worden sind. Mittels „visueller Übertragung" gehen wir von den Geschehnissen der Vergangenheit zur Gegenwart über, indem wir die „Abgeordneten-Unruhen" (im Kern eigentlich „Fresse-Polieren") im ukrainischen Parlament im Jahr 2013 illustrieren. Sowohl in Tolstois Roman als auch in den realen Geschehnissen in der Ukraine finden wir "горячечных родах демократии" vor, die paradoxerweise innerhalb eines teilweise feudalen Systems, im Prinzip also in einer antidemokratischen Umgebung stattfinden. Wir wissen nicht einmal in etwa (ebenso wie zu seiner Zeit Tolstoi), wie diese Geburt ausgeht – ob dabei ein gesundes Kind oder ein totes zur Welt kommt. Das i-Tüpfelchen der Schau stellt die „formalistisch-avantgardistische" Interpretation einer dieser Abgeordnetenkämpfe dar. Dieses Bild befindet sich unmittelbar auf der Bühne und gleichzeitig außerhalb des oberflächlichen Betrachter-Blicks. Lediglich durch eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Ausstellung kann man das Bild entdecken. Dieses beinahe unsichtbare „formalistische Stückchen" im Rausch des aggressiven, grobschlächtigen Realismus symbolisiert eine „verborgene Hoffnung" auf einen endgültigen Sieg der demokratischen (formalen) Prozesse auf globaler Ebene, ungeachtet des allgegenwärtigen Wachstums von links- oder rechtsradikalen Tendenzen. Auch wir haben diese Hoffnung, doch ist sie weder bedeutend noch offensichtlich.



RUSSEN IN BERLIN
Mit Sergei Tchoban
"Und all das, dieses ganze Ausland und dieses euer ganzes Westeuropa, das ist alles bloße Phantasie, und wir selbst sind im Ausland auch nur Phantasie ... denken Sie an mein Wort (Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Idiot)
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Tilda